“Ich will heim!”(Clemens Forell)
“So weit die Füße tragen” (1959) von Fritz Umgelter
Clemens Forell (Heinz Weiss), ehemaliger Oberleutnant der Wehrmacht, ist aus ihm unbekannten Gründen zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt worden, die er in einem russischen Bleibergwerk am Ostkap Sibiriens ableisten soll.
Der eigensinnige Bayer hat bereits einen gescheiterten Fluchtversuch unternommen, was ihm die Ächtung durch seine dadurch durch die russischen Befehlshaber in ihren ohnehin äußerst limitierten Nahrungszuteilungen noch weiter begrenzten vermeintlichen Kameraden einträgt. Lediglich der Lagerarzt Dr. Heinz Stauffer (Wolfgang Büttner) unterstützt Forell und ermöglicht ihm, mit einer für ursprünglich seinen eigenen Fluchtplan, den er krankheitsbedingt aufgeben muss, zusammengestellten Ausrüstung die Flucht aus dem Lager.
Ganz allein auf sich gestellt, größtenteils in wochenlanger Einsamkeit, in zumeist unwirtlicher Landschaft bei extremen Temperaturen und nur von dem Willen getrieben, endlich nach Hause zu seiner Frau Katrin zu gelangen, ist Clemens Forell unterwegs. Um zu überleben wird er lügen, stehlen und einen gewaltsamen Raub verüben. Er begegnet Menschen, die ihm selbstlos bei seiner Flucht helfen, anderen die seine Notlage skrupellos ausnutzen, wieder anderen, die ihm aus Furcht jede Unterstützung verweigern und sogar einigen, die zur tödlichen Bedrohung für ihn werden.
Nur kurzzeitig steht Forell der ihm von einem jakutischen Züchter geschenkte Hund, den er “Willem” nennt, bei. Beim Überqueren der Grenze zur Mongolei opfert sich das treue Tier, indem es die Grenzposten ablenkt und Forell so vor den Schüssen bewahrt, die den Hund selbst treffen.
Als Clemens Forell nach drei Jahren endlich den Iran erreicht hat, wird er von der örtlichen Militärpolizei arrestiert und soll von seinem in der benachbarten Türkei ansässigen Onkel Erich Baudrexel (Robert Bürkner) identifiziert werden. Forell kann sämtliche Fotos aus dem mitgebrachten Album korrekt benennen, aber Baudrexel gesteht ihm: “Ich habe dich nicht erkannt. Ich habe nichts von all dem geglaubt und ich kenne dich jetzt auch nicht. Du bist ein völlig anderer Mensch!”
Fassungslos starrt Clemens Forell auf ein Foto, das ihn als jungen Soldaten zeigt (eine Privataufnahme des jungen Heinz Weiss) - eine Person, die offensichtlich nichts mehr mit ihm zu tun zu haben scheint ...
Die beiden gebürtigen, fast gleichaltrigen Stuttgarter Heinz Weiss und Fritz Umgelter - der Regisseur war lediglich ein Jahr jünger als der Schauspieler - hatten bereits bei zwei Filmen zusammen gearbeitet, als sich Umgelter 1959 für die Besetzung des Clemens Forell für Heinz Weiss entschied. Der hoch dramatische und sehr ergreifende Sechsteiler “So weit die Füße tragen” - basierend auf dem gleichnamigen Roman von Josef Martin Bauer - markierte nicht nur den Beginn einer immensen Popularität für den bis dahin unbekannten Schauspieler Heinz Weiss sondern auch einer intensiven Zusammenarbeit der beiden Künstler, denn Fritz Umgelter besetzte Heinz Weiss von nun an in den meisten seiner Fernsehfilme - bis hin zu seiner letzten Regiearbeit “Das Traumschiff: Cayman Islands” (1981 - der Ausstrahlungstermin war im Folgejahr nach Umgelters Tod), in der Heinz Weiss einen Wirtschaftsmagnaten namens Hansen spielte. Ab 1983 erhielt Heinz Weiss die Rolle, die neben dem Clemens Forell zu der für ihn wohl populärsten wurde: Kapitän Heinz Hansen in "Das Traumschiff", die er bis 1999 verkörperte.
Für einen Zuschauer, der Heinz Weiss in erster Linie mit dem “Traumschiff”-Kapitän identifiziert, ist es überaus überraschend und faszinierend zu sehen, zu welch ergreifender Charakterstudie - sogar häufig gänzlich ohne einen einzigen Schauspielkollegen - Umgelter Weiss hier geführt hat. Die zurückhaltende, doch daher umso bewegendere Mimik von Heinz Weiss in “So weit die Füße tragen” unterbrochen von wenigen, dafür umso emotional ergreifenderen Gefühlsausbrüchen - etwa im zweiten Teil als Forell befürchtet, tagelang in der Schneewüste Sibiriens im Kreis gelaufen zu sein und er plötzlich die ersten Bäume entdeckt und er vor unfassbarer Erleichterung schreit - bleiben dem Zuschauer unvergesslich.
Heinz Weiss, der die Dreharbeiten unter anderem im Berner Oberland in 2000 Metern Höhe und in Finnland als äußerst strapaziös beschrieb, brachte seine eigenen persönlichen, schmerzlichen Kriegserfahrungen in seine unvergessliche, zutiefst authentische Darstellung ein. Weiss wurde im Zweiten Weltkrieg am rechten Bein schwer verwundet und litt lebenslang unter den Spätfolgen, die 1999 sogar die Amputation notwendig machten.